Baby zu verkaufen
Was Leihmutterschaft wirklich ist
Es gibt Debatten, die plötzlich überall auftauchen. Nicht, weil das Thema neu wäre, sondern weil prominente Menschen dafür sorgen, dass wir endlich darüber sprechen. So ist es gerade mit der Leihmutterschaft.
Ausgelöst wurde die aktuelle Diskussion hier in Deutschland dadurch, dass Jens Spahn und sein Ehemann ein Kind durch eine Leihmutter in den USA bekommen haben. Ironischerweise hatte Spahn Leihmutterschaft früher selbst scharf kritisiert und Frauen sinngemäß auf ihre Funktion als “Brutkasten” reduziert. Heute profitierte er von genau diesem System des “weiblichen Brutkastens”. Die öffentliche Debatte blieb nicht ohne politische Folgen: Wenige Tage später trat Spahn als Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion zurück.
Doch eigentlich geht es nicht um Jens Spahn.
Dass Leihmutterschaft in Deutschland verboten ist, ist kein Zufall. Das Embryonenschutzgesetz und das Adoptionsvermittlungsgesetz verhindern, dass Leihmutterschaften hier rechtmäßig durchgeführt und vermittelt werden. Dahinter steht unter anderem die Sorge, dass der weibliche Körper und menschliche Fortpflanzung zum Gegenstand eines Marktes werden.
Gleichzeitig zeigt der Blick ins Ausland, dass sich das Problem dadurch nicht auflöst – sondern häufig lediglich in Länder verlagert, in denen Leihmutterschaft erlaubt oder wirtschaftlich attraktiver ist.
Leihmutterschaft ist seit Jahren ein milliardenschweres globales Geschäft. Hollywoodstars, Influencerinnen und wohlhabende Menschen greifen längst auf dieses Modell zurück. Meist wird dabei über den Wunsch nach einem Kind gesprochen. Viel seltener sprechen wir über die Frau.
Der Körper der Frau wird zur Dienstleistung
Eine Schwangerschaft ist keine Dienstleistung, Mietvertrag oder eine neunmonatige Projektarbeit.
Eine Schwangerschaft verändert den Körper einer Frau dauerhaft. Hormonelle Veränderungen können bestehende gesundheitliche Probleme verschärfen oder begünstigen. Andere entwickeln Diabetes, Bluthochdruck oder schwere Komplikationen. Manche kämpfen Jahre später noch mit den körperlichen Folgen einer Geburt. Jede Schwangerschaft birgt gesundheitliche Risiken – bis hin zum Tod. Das alles passiert nicht außerhalb des Geschäftsmodells der Leihmutterschaft. Es ist Teil des Produkts, denn verkauft wird nicht einfach eine Gebärmutter. Verkauft wird die Fähigkeit eines weiblichen Körpers, ein Kind auszutragen. Befürworter sagen häufig: “Die Frau entscheidet sich doch freiwillig”.
Aber was bedeutet Freiwilligkeit, wenn finanzielle Not die eigentliche Triebkraft ist? Wer neun Monate lang körperliche Risiken eingeht, medizinische Eingriffe akzeptiert, hormonelle Behandlungen durchläuft und anschließend das Kind unmittelbar nach der Geburt abgeben muss, tut das selten, weil Schwangerschaft das persönliche Hobby ist.
Die weltweite Leihmutterschaft konzentriert sich nicht zufällig auf wirtschaftlich schwächere Regionen oder auf Frauen, die das Geld dringend benötigen. Wohlhabende Auftraggeber treffen auf Frauen mit deutlich weniger ökonomischen Möglichkeiten. So läuft dieser perfide Markt.
Mit einem Leihmutterschaftsvertrag geben Frauen häufig einen erheblichen Teil ihrer Selbstbestimmung ab. Je nach Vertrag können medizinische Untersuchungen vorgeschrieben sein. Es können Vorgaben zu Ernährung, Medikamenten oder Verhalten gemacht werden. Über Schwangerschaft und Geburt entscheiden plötzlich nicht mehr ausschließlich die schwangere Frau und ihre Ärztinnen oder Ärzte, sondern auch vertragliche Interessen Dritter. Der weibliche Körper wird damit Teil einer wirtschaftlichen Vereinbarung.
Und was ist mit dem Kind?
Auch das Kind wird Teil eines Vertrags. Es wird mit der Erwartung geboren, nach der Geburt an die Auftraggebenden übergeben zu werden. Die meisten Wunscheltern lieben dieses Kind selbstverständlich. Daran zweifle ich nicht.
Aber Liebe verändert nichts daran, dass hier ein Markt entstanden ist, auf dem Schwangerschaften organisiert, vermittelt und bezahlt werden.
Es gab Fälle, in denen Kinder nach der Geburt nicht abgeholt wurden, weil sie eine Behinderung hatten oder nicht den Erwartungen entsprachen.
Einer der erschütterndsten dokumentierten Fälle ist der von Bridget. Das Mädchen wurde von einer Leihmutter in der Ukraine ausgetragen. Als sie schwer behindert und 15 Wochen zu früh geboren wurde, lehnten die genetischen Wunscheltern aus den USA sie ab. Bridget verbrachte ihre ersten Lebensjahre in einem ukrainischen Waisenhaus und lebte dort sogar noch zu Beginn des russischen Angriffskrieges. Erst Jahre später wurde sie von einer anderen US-amerikanischen Familie adoptiert, die sie aus der Ukraine in die USA holte.
Solche Fälle sind nicht die Regel, aber sie zeigen, was passiert, wenn Fortpflanzung nach den Regeln eines Marktes organisiert wird.
Einer der stärksten Sätze in dieser Debatte lautet für mich: Es gibt ein Recht auf Familie. Aber es gibt kein Menschenrecht auf ein biologisches Kind.
Gerade in der Debatte um Leihmutterschaft werden queere Menschen häufig instrumentalisiert. Es wird so getan, als hätten sie ohne Leihmutterschaft keine Möglichkeit, Elternschaft zu erfahren. Als sei der Zugang zum Körper einer anderen Frau die einzige Antwort auf ihren Kinderwunsch.
Das stimmt nicht.
Familie ist nicht ausschließlich biologisch. Elternschaft kann auch durch Adoption, Pflegeelternschaft, Co-Parenting oder andere verantwortliche Formen von Fürsorge entstehen. Kinder zu lieben, sie zu begleiten und Verantwortung für sie zu übernehmen, setzt keine genetische Abstammung voraus.
Queere Familien verdienen vollständige rechtliche Anerkennung und Schutz. Aber ihre berechtigte Forderung nach Gleichstellung darf nicht benutzt werden, um die Ausbeutung von Frauen zu legitimieren.
Das Recht, eine Familie zu gründen, endet dort, wo dafür der Körper einer anderen Frau verfügbar gemacht werden soll.
Ungewollte Kinderlosigkeit ist grausam, sie verdient Mitgefühl, medizinische Unterstützung und auch gesellschaftliche Anerkennung. Aber aus diesem Leid entsteht kein Anspruch. Der Schmerz der einen Person darf nicht dadurch gelöst werden, dass eine andere ihren Körper zum Produktionsmittel macht.
Ich glaube nicht, dass jede Person, die Leihmutterschaft in Anspruch nimmt, böse Absichten hat. Viele handeln aus tiefem Kinderwunsch. Und das tut mir auch wirklich leid. Viele Leihmütter berichten auch von positiven Erfahrungen. Trotzdem muss man zwischen individuellen Erfahrungen und einem globalen System unterscheiden. Meine Kritik richtet sich nicht gegen einzelne Familien die diesen Weg gegangen sind. Vielmehr richtet sie sich gegen ein Geschäftsmodell, das weibliche Reproduktionsfähigkeit zur Ware macht.
Leihmutterschaft ist kein Fortschritt
Fortschritt bedeutet nicht, dass sich Wohlhabende die Körper ärmerer Frauen leisten können, dass Schwangerschaft zur Dienstleistung wird oder dass Babys Teil eines internationalen Marktes werden. Ein wirklich feministischer Fortschritt würde Frauen aus wirtschaftlicher Not befreien – nicht ihre Not zur Grundlage eines Milliardenmarktes machen.
Deshalb halte ich Leihmutterschaft nicht für Selbstbestimmung, sondern für die Kommerzialisierung weiblicher Körper.
Für mich ist sie kein Ausdruck reproduktiver Freiheit, vielmehr ist sie ein Ausdruck eines Systems, in dem Geld darüber entscheidet, wessen Körper zur Ressource wird – und wessen Kinderwunsch erfüllt werden kann.
Zum Schluss bleibt für mich eine Frage, die ich nicht loswerde: Wenn wir als Gesellschaft so sehr von Liebe zu Kindern sprechen – warum leben dann allein in Deutschland so viele Kinder in Pflegefamilien oder Einrichtungen und warten auf ein dauerhaftes Zuhause? Warum scheint für viele der Wunsch nach einem eigenen biologischen Kind größer zu sein als der Wunsch, einem bereits existierenden Kind Liebe, Sicherheit und Familie zu schenken?
Dieser Text ist ein politischer Essay und erhebt keinen Anspruch auf Neutralität. Die beschriebenen Ereignisse sowie die zitierte Berichterstattung können unter anderem hier nachgelesen werden.
Quellen
Debatte über Leihmutterschaft Grüne fordern Erklärung von Spahn
Kommission zur reproduktiven Selbstbestimmung und Fortpflanzungsmedizin legt Abschlussbericht
Surrogacy associated with higher risk of severe pregnancy outcomes
UN special rapporteur’s report on surrogacy encourages us to ask difficult question
The psychological well-being and prenatal bonding of gestational surrogates


Ein sehr wichtiger Text, der es auf den Punkt bringt. Danke dir dafür!